Leonhard Koppelmann – Vortragsexposé – Wintersemester 2010/2011

Der Interdisziplinäre Arbeitskreis für Drama und Theater und das Studium generale laden im Rahmen der Ringvorlesung KLEISTS REZEPTION zu folgendem Vortrag ein:





Leonhard Koppelmann (Köln)



Heinrich von Kleist und das Drama der inneren Bühne

Montag, 20. Dezember 2010, 18:15 Uhr, P 3 (Philosophicum)



Die Epochenschwelle um 1800 ist eine Übergangszeit – von der Aufklärung zum Realismus, vom Empirismus und Rationalismus des 18. Jahrhunderts und Positivismus des 19. Jahrhunderts. Entsichert sind hier nicht nur die politische, die ständische Ordnung, entsichert sind auch die Wissensordnungen der Aufklärungszeit mit Konsequenzen für Ästhetik und Poetologie, für Figuren der Wahrnehmung und Darstellung von Wirklichkeit. Und diese 'Entsicherung' lässt bei Heinrich von Kleist die Figuren bis in ihre Sprache hin erbeben. Seine Protagonisten sind immer wieder in Gedanken versponnen, häufig befinden sie sich an der Schwelle zwischen Träumen und Wachen, versuchen in fortwährenden Introspektionen ihren Platz in der Welt neu zu bestimmen – Kleists Dramen spielen zu bedeutenden Teilen auf einer quasi 'inneren Bühne'.

Gut 150 Jahre später formuliert der Gralshüter des Nachkriegshörspiels, Heinz Schwitzke: "Im Hörspiel geht es nicht darum, das Innere durch das Äußere sichtbar zu machen, sondern (…) das Äußere 'aus dem inneren Zusammenhang hervorgehen' zu lassen. Das ist genau umgekehrtes Theater." Für Schwitzke wird mit der Entmaterialisierung der Stimme eine 'innere Bühne' geschaffen, er versteht das Hörspiel als dramatisch-episch-lyrisch = innerlich: "Innere Handlung, innerer Monolog, imaginärer Dialog, Dialog mit sich selber, das sind Begriffe, von denen her man auch das Hörspiel begreifen muss, der Ort, an dem es spielt, liegt nirgendwo anders als im Gewissen des Hörers."

Heinrich von Kleist nimmt also in seinen von allem Deklamatorischen entkleideten Gedanken- und Traumgespinsten eine Entwicklung vorweg, die ihre Blüte erst im Hörspiel finden wird. Tatsächlich liegt in dieser Akzentverschiebung vom Deklamatorisch-dramatisch-Äußerlichen, hin zum Entsichert-fragil-Innerlichen ein Teil von Kleist Modernität und Gegenwärtigkeit.



Leonhard Koppelmann, geboren 1970, studierte Theaterregie und realisierte als Bearbeiter und Regisseur weit über hundert Hörspiele. Im Jahr 2007 inszenierte er für den Rundfunk eine Reihe klassischer deutscher Theatertexte unter dem Titel "Klassik jetzt!", u.a. die Kleist-Dramen "Der Prinz von Homburg" und "Der zerbrochne Krug".



Nächster Vortrag in dieser Reihe:

Prof. Dr. Klaus Pietschmann (Musikwissenschaft, JGU Mainz)

Zur musikalischen Kleist-Rezeption

Montag, 10. Januar 2011, 18:15 Uhr, P 3 (Philosophicum)