Dr. Yalız Akbaba – Vortragsexposé – Sommersemester 2017

Mainzer Universitätsgespräche
VORTEIL VIELFALT?! DIVERSITÄT IN NATUR, KULTUR UND GESELLSCHAFT


Dr. Yalız Akbaba
Institut für Erziehungswissenschaft, AG Schulforschung/ Schulpädagogik, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Über Nachteile bei der Suche nach Vorteilen von Lehrer*innen 'mit Migrationshintergrund'

Mittwoch, 7. Juni 2017, 18:15 Uhr, Hörsaal N 1 (Muschel)


Der bildungspolitische Zeitgeist ist aktuell davon bestimmt, Vielfalt wertzuschätzen. Im Kontext von Schule und Migration trifft eine neue Form von Wertschätzung auf Lehrer*innen, in deren Biografie ein Migrationshintergrund erkannt wird. Während ein Migrationshintergrund bei Schüler*innen zumeist problembehaftet diskutiert wird, werden Lehrer*innen mit Verweis auf ihre Fremdheit positiv als "Vermittler*innen", "Vorbilder" und "Kulturbrücken" imaginiert. Der Vortrag beleuchtet den Verwertungsdiskurs um migrationsandere Lehrer*innen in seinem Widerspruch zwischen Rhetorik und Wirkung. Zum einen steuern die gut gemeinten Bilder von den Lehrer*innen zu einer Kulturalisierung von Problemen der Schule bei und lenken von sozialen und institutionellen Problemen ab. Zum anderen bedeuten die widersprüchlichen und stereotypen Bedeutungen, die dem Fremdsein mal mit Bedrohlichkeit und mal mit Nützlichkeit zugeschrieben werden, für die Lehrer*innen konkrete Handlungsprobleme: Sie sollen sich aufgrund eines Merkmals als nützlich erweisen, dessen Thematisierung mit nicht kalkulierbaren Risiken von Marginalisierung und Diskreditierung einhergeht. Wie dieses Doublebind konkret aussieht, und welche Umgangsweisen im Lehrer*innenhandeln beobachtet wurden, stellt der Vortrag anhand von Ergebnissen aus einer aktuellen empirischen Studie vor.
Der Beitrag plädiert für mehr Wachsamkeit gegenüber den Fallstricken einer formelhaften Diskussion über Vielfalt, die einem herrschenden Paradigma nacheifernd Stigmatisierungen unter dem Deckmantel von Wertschätzung unreflektiert fortführt.

Yalız Akbaba (Dr. phil.) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Sie lehrt und forscht in den Bereichen der kritischen Migrationsforschung, der pädagogischen Professionalisierung und der Methoden qualitativer Sozialforschung, vor allem der (Diskurs-)Ethnografie und der fallrekonstruktiven Unterrichtsforschung. Ihre Dissertation "Lehrer*innen und der Migrationshintergrund. Widerstand im Dispositiv", erschienen 2017 bei Beltz Juventa, untersucht die Doppelbindungen, die der stereotyp geführte Diskurs über Fremdheit und Schule für das Lehrer*innenhandeln auslöst. Die ethnografische Studie wurde 2017 mit dem Dissertationspreis der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ausgezeichnet.

Nächster Vortrag in dieser Reihe:
Prof. Dr. Georg Zizka
(Professor für Diversität, Evolution und Phylogenie Höherer Pflanzen, Goethe-Universität Frankfurt/Main)
Brauchen wir Pflanzenvielfalt?
Mittwoch, 14. Juni 2017, 18:15 Uhr, Hörsaal N 1 (Muschel)