Prof. Dr. Ernst-Dieter Lantermann – Vortragsexposé – Wintersemester 2017/2018

Mainzer Universitätsgespräche 
DAS NEUE UNBEHAGEN? SORGEN, ÄNGSTE, NÖTE IN DER GEGENWART

Prof. Dr. Ernst-Dieter Lantermann 
Professor em. für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie, Universität Kassel

Quälende Unsicherheiten – Nährboden für Radikalisierung und Fanatismus 

Mittwoch, 25. Oktober 2017, 18:15 Uhr, Hörsaal N 1 (Muschel)


Das Verschwinden von Gewissheiten ist zum Kennzeichen unserer Zeit geworden. Viele Menschen fühlen sich von dem rasanten Tempo der gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen überfordert. Ihr Selbstwertgefühl leidet auch unter der Prekarisierung ihrer Lebensverhältnisse, für die sie ja selbst, so suggeriert der Zeitgeist, verantwortlich sind. Die Antwort vieler Bürger auf die wachsende Unsicherheit ist eine Radikalisierung ihrer Lebensführung. Sie wenden sich Extremen zu, die ihnen wieder Klarheit darüber verschaffen, was richtig oder falsch ist. Den Fremdenfeind, der alle Probleme dieser Welt aus der massenhaften Ankunft von Flüchtlingen herleitet, den sich distanzlos allen digitalen Neuerungen der Selbstkontrolle unterwerfenden Fitnesstreibenden, den Sicherheitsfanatiker oder den fanatischen Nostalgiker eint aus psychologischer Sicht mehr als ihnen bewusst ist. 
Der Sozialpsychologe Ernst-Dieter Lantermann erforscht seit Jahrzehnten, wie sich Menschen in unsicheren Situationen verhalten. Er benennt Ursachen und Handlungsmotive der Selbstverschließung gegenüber allem Neuen und weist auf jene inneren Ressourcen hin, die uns helfen, nicht den Versuchungen radikaler und fanatischer Haltungen zu erliegen. 
"Ich glaube, wer die geistige Haltung, Handlungsmotivation und die Gefühle von Menschen verstehen möchte, die den rasanten Modernisierungsschüben der Gegenwart ausgesetzt sind, muss an einer entscheidenden Stelle des Seelischen ansetzen: an dem grundlegenden Bedürfnis nach Überschaubarkeit und Sicherheit. Wird dieses Bedürfnis nicht genährt, dann schaffen Menschen ihre eigenen Gewissheiten – wenn es sein muss, um beinahe jeden Preis." (Ernst-Dieter Lantermann)

Ernst-Dieter Lantermann (geb. 1945) ist Persönlichkeits- und Sozialpsychologe. Nach dem Studium der Psychologie promovierte er 1974 an der Universität Bonn und nach der Habilitation an der RWTH Aachen (1978) folgte von 1979 bis 2013 die Professur für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie an der Universität Kassel. Lantermann ist Autor und Herausgeber zahlreicher Artikel und Fachpublikationen u.a. zu Komplexitätsmanagement mit Verstand und Gefühl und zum Thema Personale Ressourcen für die Meisterung von Unsicherheit und Ungewissheit. Zudem arbeitet er als Berater und Referent für Unternehmen, im Gesundheitswesen und in kulturellen Einrichtungen. 
Jüngere Publikationen (Auswahl): Die radikalisierte Gesellschaft. Von der Logik des Fanatismus, München 2016; Komplexitätsmanagement. Psychologische Erkenntnisse zu einer zentralen Führungsaufgabe (mit E. Döring-Seipel), Wiesbaden 2015; Gefühle in unsicheren Zeiten, Kassel 2013; Vertrauen, Kompetenzen und gesellschaftliche Exklusion in prekären Zeiten (mit Heinz Bude), Kassel 2010; Selbstsorge in unsicheren Zeiten (mit E. Döring-Seipel u.a.), Basel 2009.

Nächster Vortrag in dieser Reihe: 
Dr. Judith Niehues 
(Senior Economist, Leiterin der Forschungsgruppe Mikrodaten und Methodenentwicklung, Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V., Köln) 
Soziale Ungleichheit in Deutschland – Wirklichkeit und Wahrnehmung 
Mittwoch, 15. November 2017, 18:15 Uhr, Hörsaal N 1 (Muschel)