Prof. Dr. Klaus Dörre – Vortragsexposé – Wintersemester 2017/2018

Mainzer Universitätsgespräche 
DAS NEUE UNBEHAGEN? SORGEN, ÄNGSTE, NÖTE IN DER GEGENWART


Prof. Dr. Klaus Dörre 
Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie, Universität Jena

Die neue Unterklasse?
Soziale Spaltungen und Verteilungskonflikte

Mittwoch, 22. November 2017, 19:00 Uhr (!), Hörsaal N 1 (Muschel)


Ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, die Bundesrepublik ist eine Klassengesellschaft und ist es, sowohl im Westen als auch im Osten, immer gewesen. Allerdings - und das ist neu - handelt es sich in der Gegenwart um eine demobilisierte Klassengesellschaft. Einerseits haben sich vertikale, überwiegend klassenspezifische Ungleichheiten seit mehr als 20 Jahren stärker ausgeprägt, andererseits sind politischen Kräfte, die das ändern könnten, so schwach wie schon lange nicht mehr. Auch in Deutschland existiert eine Dauererfahrung sozialer Ungleichheit: Nicht nur hat sich die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert und die Einkommensungleichheit unter Lohnabhängigen hat zugenommen. Zugleich ist eine Zunahme ungeschützter, schlecht entlohnter, wenig anerkannter und deshalb prekärer Beschäftigungsverhältnisse zu beobachten. Dies hat u.a. weit reichende politisch-kulturelle Folgen: Je geringer die Hoffnung ist, in den Verteilungskämpfen zwischen oben und unten erfolgreich zu sein, desto eher tendieren Arbeiter dazu, diesen Konflikt in eine Auseinandersetzung umzudeuten, die zwischen leistungsbereiten Inländern und vermeintlich leistungsunwilligen, kulturell nicht integrierbaren Eindringlingen ausgetragen wird. 
Der Vortrag analysiert diese Entwicklungen und skizziert Konsequenzen für eine inklusive Arbeits- und Sozialpolitik: Weder gilt es, Partikularinteressen von - vorwiegend männlichen - Produktionsarbeitern zu allgemeinen Anliegen zu erklären und diese gegen sogenannte identitätspolitische Themen auszuspielen, noch sollten Flüchtlingsabwehr, harte Abschiebungs- und restriktive Asyl- und Einwanderungspolitiken um sich greifen. Vielmehr ist es nötig, dass inklusive Politik der Intersektionalität von Klassenverhältnissen, ihrer Verschränkung mit den Konfliktachsen Ethnie/Nationalität, Geschlecht und ökologische Nachhaltigkeit Rechnung trägt.

Klaus Dörre ist seit 2005 Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Friedrich Schiller-Universität Jena, einer der Direktoren des DFG-Kollegs Postwachstumsgesellschaften (http://www.kolleg-postwachstum.de) und Mitherausgeber des Berliner Journal für Soziologie. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen auf dem Gebiet der Kapitalismusmustheorie, der Prekarisierung von Arbeit und Beschäftigung, der Arbeitsbeziehungen und Partizipation in Unternehmen, der Digitalisierung sowie des Rechtspopulismus. Klaus Dörre hat zu diesen Themen umfassend publiziert, seine Habilitationsschrift thematisiert Arbeit, Partizipation und industrielle Beziehungen im flexiblen Kapitalismus (Kampf um Beteiligung, Westdeutscher Verlag 2002). Zu seinen letzten Veröffentlichungen gehören Streikrepublik Deutschland? Die Erneuerung der Gewerkschaften in Ost und West (mit T. Goes, S. Schmalz und M. Thiel, Campus 2017), Öffentliche Soziologie - Wissenschaft im Dialog mit der Gesellschaft (mit B. Aulenbacher, M. Burawoy und J. Sittel, Campus 2017) und Leistung und Gerechtigkeit - Das umstrittene Versprechen des Kapitalismus (mit B. Aulenbacher, M. Dammayr, W. Menz, B. Riegraf und H. Wolf, Beltz Juventa 2017). 

Nächster Vortrag in dieser Reihe: 
PD Dr. Sascha Seiler 

(Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität Mainz) 
Globalisierungsangst in der Gegenwartskultur 
Mittwoch, 6. Dezember 2017, 18:15 Uhr, Hörsaal N 1 (Muschel)