Prof. Dr. Ioannis Mylonopoulos – Vortragsexposé – Wintersemester 2017/2018

Themenschwerpunkt 
INSPIRED BY NATURE – IDEENQUELLE NATUR


Prof. Dr. Ioannis Mylonopoulos
Professor for Classical Art and Archaeology, Department of Art History and Archaeology · Director of the Program in Hellenic Studies, Department of Classics, Columbia University, New York, USA

Heilige Bäume im antiken Griechenland: Ihre symbolische und physische Präsenz in Religion und Kunst

Dienstag, 12. Dezember 2017, 18:15 Uhr, Hörsaal N 1 (Muschel)


In einer kürzlich erschienenen Publikation, die sich mit der Bedeutung von Bäumen im menschlichen Leben beschäftigt, liest man den folgenden Satz, der sich ohne Weiteres auf die griechische Antike beziehen lässt: "Every solitary, ancient tree is by definition a survivor, a sentinel from the past". Einzelne Bäume von besonderer Wichtigkeit für bestimmte Kultorte aber auch sog. heilige Haine, die als unabhängige Plätze des Kultischen oder als Bestandteil eines Heiligtums fungieren können, haben einen speziellen Platz im sozialen und religiösen Leben des antiken Griechen. Sie sind – auch wenn nicht immer explizit in den Quellen ausgesprochen – wie der oben zitierte Satz klar macht, ein Verbindungsglied zur Vergangenheit, die sich oft im Mythischen verliert. In dieser Hinsicht können einzelne Bäume und heilige Haine die Rolle eines der zahlreichen lieux de mémoire im Sinne Pierre Moras übernehmen. Umso verwunderlicher ist es, dass die natürliche Umgebung im Allgemeinen und die Pflanzenwelt im Speziellen keine besondere Rolle – im Vergleich z.B. zum römischen Kontext – in der griechischen Kunst spielen. Obwohl man die häufige fast immer kontextlose Präsenz einzelner Bäume in mythologischen Szenen attestieren müsste, fungieren Gruppen von Bäumen eher selten als ein quasi realistischer bildlicher Referenzpunkt für die Örtlichkeit des mythologischen oder kultischen Geschehens: mythologische oder tatsächliche Jagdszenen in Wäldern z.B. werden kaum als solche abgebildet und in den meisten Fällen ihrer natürlichen Umgebung entfremdet, wohingegen eine vereinzelte Palme in Szenen, die mit den Letoiden in Verbindung stehen, als eine Art signifier für Delos, Delphi, oder allgemein für ein apollinisches bzw. artemisisches Heiligtum bildlich funktionieren kann. Der Vortrag soll Licht auf die Funktion einzelner Bäume im Kult werfen und den eigentlichen Kult von Bäumen – wie den oft postulierten Kult der dodonäischen Eiche – in Frage stellen. Darüber hinaus werden das ambivalente Verhältnis des antiken Griechen zu seiner natürlichen Umgebung sowie die Probleme aufwerfende Abwesenheit von Bäumen in der Kunst diskutiert.

Professor Ioannis Mylonopoulos is a tenured Associate Professor of Classical Art and Archaeology at Columbia University's Art History and Archaeology Department, where he has taught since 2008. Since September 2016, Prof. Mylonopoulos is also the director of the Program in Hellenic Studies at Columbia University's Classics Department. Before joining Columbia University, Prof. Mylonopoulos taught at the universities of Erfurt, Vienna, and Heidelberg. He was twice visiting professor at the University of Paris I Panthéon-Sorbonne. His research focuses on sacred space, the archaeology of religion, the iconography of the Divine in ancient Greece, as well as the visualization of emotions and violence in Greek art. Educated at the University of Athens and the University of Heidelberg, from which he received his Ph.D., Prof. Mylonopoulos has also been a senior research associate at the Centre for the Study of Ancient Documents, Oxford, a Fellow at the Harvard Center for Hellenic Studies, and a member of the School of Historical Studies at the Institute for Advanced Study in Princeton. Prof. Mylonopoulos has been the director of the excavation of the Sanctuary of Poseidon at Onchestos in Boeotia since 2014 and has participated in excavations in Greece (Zominthos and Eleutherna), Turkey (Aphrodisias) and Germany (Ladenburg/Lopodunum). He currently serves on the board of the Archaeological Society Foundation, the Managing Committee of the American School of Classical Studies in Athens, as well as the editorial board of the Tübinger Archäologische Forschungen of the University of Tübingen. Recently, he co-curated two exhibitions on emotions in New York (9.3.–24.6.17) and Athens (18.7.–19.11.17).


Nächster Vortrag in dieser Reihe: 
PD Dr. Barbara Fruth 

(Primatologin, School of Natural Sciences and Psychology, Liverpool John Moores University)
Der kongolesische Regenwald als Ressource für Mensch und Tier
Dienstag, 9. Januar 2018, 18:15 Uhr, Hörsaal N 1 (Muschel)