Prof. Dr. Rudolf Stichweh – Vortragsexposé – Wintersemester 2018/2019

Mainzer Universitätsgespräche 
"Standpunkte, Koordinaten, Horizonte – Sich in der Welt orientieren"

Prof. Dr. Rudolf Stichweh 
Inhaber der Dahrendorf-Professur "Theorie der modernen Gesellschaft", Direktor des Forums Internationale Wissenschaft FIW, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Interdisziplinarität und wissenschaftliche Bildung 

Mittwoch, 23. Januar 2019, 18:15 Uhr, Hörsaal N 1 (Muschel)

Der Vortrag versucht eine Bestimmung und Klärung des Begriffs der 'Interdisziplinarität' in wissenschafts­geschichtlicher und in hochschul- und bildungspraktischer Hinsicht. Es geht zunächst um die Entstehung der wissenschaftlichen Disziplin im 18. und 19. Jahrhundert und um das System wissenschaftlicher Disziplinen, in das die einzelne wissenschaftliche Disziplin eingebettet ist. Interdisziplinarität ist eine wissenschaftliche und eine Forschungsorientierung, die sich in diesem System naturwüchsig herausbildet. Wir beschreiben die kooperativen und die konflikthaften Formen der Interdisziplinarität, die es im Wissenschaftssystem der Gegenwart gibt. Interdisziplinarität ist mit Innovation verknüpft und zugleich mit Vorstellungen über soziale und thematische ′Marginalität′, die manchmal die Voraussetzung für wissenschaftliche Innovationen ist.
Im zweiten Teil des Vortrags geht es um Interdisziplinarität im Rahmen des Bildungsauftrags, der der modernen Hochschulausbildung zu Grunde liegt. Auf der Basis einer historischen Bestimmung des Bildungsbegriffs der deutschen Erziehungstradition versuchen wir die Bildungsidee der Universität des 20. und 21. Jahrhunderts zu definieren. Das wirft schließlich die Frage nach der Konvergenz von universitärer Bildungsidee und Interdisziplinarität auf.

Rudolf Stichweh studierte Soziologie und Philosophie an der FU Berlin und der Universität Bielefeld, wo er mit einer Arbeit zur Entstehung der Physik als wissenschaftlicher Disziplin zum Dr. rer. soc. promovierte. Seine Habilitation an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld erlangte er 1990 mit einer Monografie zum Zusammenhang von Staatsbildung und Universitätsentwicklung im frühneuzeitlichen Europa. Von 1994–2003 war er Professor für Soziologische Theorie und Allgemeine Soziologie an der Universität Bielefeld; 1999–2001 Dekan dieser Fakultät; 2000–2002 Gastprofessuren an der École des hautes études en sciences sociales in Paris und der Universität Wien; 2003–2012 Professor für Soziologische Theorie und Allgemeine Soziologie an der Universität Luzern; 2006–2010 Rektor der Universität Luzern. Seit dem 1. August 2012 ist er Dahrendorf Professor für 'Theorie der modernen Gesellschaft' an der Universität Bonn, Direktor des 'Forum für Internationale Wissenschaft' an der Universität Bonn; weiterhin ständiger Gastprofessor an der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Luzern. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Theorie der Weltgesellschaft, der Soziologie des Fremden, der Soziologie der Wissenschaft und der Universitäten, der Theorien soziokultureller Evolution, der Systemtheorie, der Soziologie der Kunst und der Theorie der Inklusion und Exklusion.
Publikationen (Auswahl): Zur Entstehung des modernen Systems wissenschaftlicher Disziplinen, Suhrkamp 1984; Der frühmoderne Staat und die europäische Universität, Suhrkamp 1991; Wissenschaft, Universität, Professionen, Suhrkamp 1994 (2. A., Transcript 2012); Die Weltgesellschaft, Suhrkamp 2000; Inklusion und Exklusion, Transcript 2005 (2., erw. A. 2013); Der Fremde, Suhrkamp 2010.

Nächster Vortrag in dieser Reihe: 
Prof. Dr. Daniel Haun

(Professor für frühkindliche Entwicklung und Kultur, Direktor des Leipziger Forschungszentrums für frühkindliche Entwicklung LFE und Forschungsgruppenleiter, Universität Leipzig) 
Wo bin ich? Kulturelle Einflüsse auf Orientierungsstrategien 
Mittwoch, 30. Januar 2019, 18:15 Uhr, Hörsaal N 1 (Muschel)