PD Dr. med. Meryam Schouler-Ocak – Vortragsexposé – Wintersemester 2016/2017

Themenschwerpunkt
"Heimat heute"

PD Dr. med. Meryam Schouler-Ocak
Leitende Oberärztin, Psychiatrische Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus, Berlin

Krank in der Fremde –
Perspektiven der psychiatrischen Migrations- und Versorgungsforschung

Montag, 16. Januar 2017, 18:15 Uhr, Hörsaal N 1 (Muschel)

In Deutschland leben derzeit mehr als 18 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, die mehr als 20 % der Bevölkerung der Bundesrepublik repräsentieren. Neueren Veröffentlichungen ist zu entnehmen, dass unter Menschen mit Migrationshintergrund zumindest eine vergleichbar hohe Rate psychischer Störungen auftritt wie unter Personen ohne Migrationshintergrund. Trotz vielfältiger Bemühungen ist bislang das psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgungssystem nicht ausreichend in der Lage, diese vermeintlich einheitliche "Bevölkerungsgruppe" angemessen zu versorgen. Dabei geht es um eine adäquate psychotherapeutische Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund über die gesamte Lebensspanne mit der entsprechenden professionellen interkulturellen Sensibilität und Kompetenz, die beide regelhaft in die Aus- und Weiterbildung der psychotherapeutisch Tätigen aufgenommen werden müssen. Insbesondere Verständigungsschwierigkeiten sprachlicher und kultureller Art führen zu einem erschwerten Zugang zu Informationen und Präventionsmaßnahmen, zu unpräzisen bis fehlerhaften Anamnesen und Diagnosen bis hin zu Problemen in der Psychotherapie. Folgen sind unnötige Mehrfachuntersuchungen und Drehtüreffekte sowie eine erhöhte Gefahr der Chronifizierung von Erkrankungen. Ungeachtet des Leids der Betroffenen und deren Angehörigen belasten die Folgekosten durch Unter- und Fehlversorgung das gesamte Gesundheitssystem in erheblichem Maße. Was vor Gericht eine Selbstverständlichkeit unseres Rechtssystems ist, die Kommunikation zweifelsfrei sicherzustellen, wird im Bereich der medizinischen Versorgung nicht entsprechend gewichtet. Eine psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung, die den besonderen Bedürfnissen von Menschen mit Migrationshintergrund mit psychischen Störungen gerecht werden möchte, benötigt angemessene strukturelle Rahmenbedingungen.
In diesem Beitrag sollen aktuelle Daten über psychische Erkrankungen und die psychotherapeutische Versorgungssituation von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland präsentiert und erläutert sowie Perspektiven der psychiatrischen Migrations- und Versorgungsforschung diskutiert werden.

PD Dr. med. Meryam Schouler-Ocak ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Neurologie, hat eine Qualifizierung in der traumazentrierten Psychotherapie, ist zertifizierte EMDR-Therapeutin und trägt die Zusatzbezeichnung Sozialmedizin. Sie leitet an der Charité-Universitätsmedizin Berlin den Forschungsbereich Interkulturelle Migrations- und Versorgungspsychiatrie, Sozialpsychiatrie und ist Co-Leiterin des Alexianer Instituts für Psychotraumatologie. Außerdem ist Schouler-Ocak Vorsitzende der Deutsch-Türkischen Psychiatriegesellschaft (DTGPP e.V.), Referatsleiterin für Interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie, Migration der DGPPN, Chair of Cultural Psychiatry der EPA und Co-Chair der WPA-TPS. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Themen Migrations- und Versorgungsforschung, Migration und Trauma, Migration und Suizidalität sowie Begutachtungen.

Nächster Vortrag in dieser Reihe:
Prof. Dr. Werner J. Patzelt
(Inhaber des Lehrstuhls für Politische Systeme und Systemvergleich, Technische Universität Dresden)
Heimatliebe, deutscher Patriotismus und neue rechte Bewegungen
Montag, 23. Januar 2017, 18:15 Uhr, Hörsaal N 1 (Muschel)