Ringvorlesung Ukraine – Sommersemester 2022

 

Öffentliche Online-Vortragsreihe

Ukraine im Fokus

Der Krieg in der Ukraine, welcher am 24. Februar 2022 mit dem russischen Angriff begann, stellt den grausamen Kulminationspunkt einer Eskalation dar, welche spätestens seit der Krim-Annexion 2014 die Herrschaftsansprüche der Russischen Föderation in kriegerischer und völkerrechtswidriger Form vor Augen führt. Als vermeintliche Grundlage seiner Aggression gegenüber der Ukraine macht der Kreml, allen voran Putin, die angebliche Unterdrückung von Russen auf dem Gebiet der Ukraine, aber auch ein eigenes Geschichtsverständnis geltend, dessen Wurzeln weit in die Vergangenheit zurückreichen.

Zugleich sollte der Ukrainekrieg der deutschen und anderen westlichen Gesellschaften zum Anlass dienen, eigene Fehleinschätzungen, Zerrbilder und Wissensdesiderate hinsichtlich kultureller, sprachlicher, politischer und wirtschaftlicher Umstände und ihrer Ursprünge nachhaltig zu korrigieren. Die hier angebotene Ringvorlesung soll einen Beitrag leisten, um aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven über diese Hintergründe aufzuklären und zu einer vertieften Beschäftigung mit Sachverhalten anzuregen, die sich auf ein bislang wenig bekanntes Terrain „direkt vor unserer Haustür“ beziehen.

Die Reihe ist organisiert von Björn Wiemer, Institut für Slavistik, Turkologie und zirkumbaltische Studien, in Kooperation mit dem Studium generale.

Informationen zur Teilnahme:

Die Ringvorlesung ist öffentlich. Die Vorträge finden jeweils um 18 Uhr online statt.  Sie können im Browser teilnehmen unter dem Link: https://bbb.rlp.net/b/rad-ief-jn2-nse.

 


Vorträge

 

Michael Moser (Wien)

Zur Geschichte des Ukrainischen

Do., 28. April 2022, 18 Uhr

Abstract: Ein echtes Desiderat ist eine Geschichte der ukrainischen Sprache, in der dringende aktuelle Fragen geklärt werden. Hierzu gehören Fragen der Glottonymik, der Verwandtschaft mit und der Beziehungen zu anderen slavischen und anderen Sprachen sowie weitere Themen der historischen Soziolinguistik.

Zur Person: Professor für Slavische Sprachwissenschaft und Textphilologie an der Universität Wien, Professor an der Katholischen Péter-Pázmány-Universität in Budapest sowie an der Ukrainischen Freien Universität in München. Träger der Goldenen Vernads´kyj-Medaille der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften, Träger des Internationalen Ivan-Franko-Preises, Träger des START-Preises des FWF, Shklar Fellow am Harvard Ukrainian Research Institute, Präsident der Internationalen Ukrainistenvereinigung.

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Ludwig Steindorff (Kiel)

Die Ukraine – junger Staat mit langer Geschichte

Di., 3. Mai 2022, 18 Uhr

Abstract: Kurz vor dem Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 hat der russische Präsident Putin behauptet, die Ukraine sei eine Schöpfung Lenins. Demgegenüber können wir eine Geschichte dieses Landes nachzeichnen, die ihre Anfänge bereits im Mittelalter hat. Wir erkennen die Vielfalt des historischen Erbes der Ukraine und die Verflechtung nicht nur mit der Geschichte Russlands und der Sowjetunion, sondern auch mit der Geschichte Polen-Litauens und Österreich-Ungarns.

Die seit 1991 unabhängige Ukraine hat sich seit der Erfahrung des Euro-Majdan, der Krim-Annexion und des Krieges im Donbass 2014 klar für eine politische und wirtschaftliche Westorientierung entschieden. Machtinteressen Russlands, bestärkt durch das Geschichtsbild von Putin, haben nun den Anlass gegeben, in die Ukraine einzumarschieren. Noch ist der Ausgang ungewiss; doch aus der erfolgreichen Abwehr dürfte die ukrainische Nation gefestigter denn je hervorgehen.

Zur Person: Ludwig Steindorff wurde 1952 in Hamburg geboren. Er studierte Geschichte, Slawistik und Germanistik in Heidelberg und Zagreb. Er promovierte 1981 in Heidelberg und habilitierte sich 1991 in Münster. Seit 2000 bis zu seiner Pensionierung 2017 war er Universitätsprofessor für Geschichte Ost- und Südosteuropa an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Von 2003 bis 2009 war er Erster Vorsitzender des Verbandes der Osteuropa-Historikerinnen und -Historiker. Von 2009 bis 2019 übte er das Amt des Wissenschaftlichen Leiters der Schleswig-Holsteinischen Universitäts-Gesellschaft aus. 2019 wurde er mit der Ehrenmedaille der CAU ausgezeichnet. Im selben Jahr verlieh ihm die Universität Split (Kroatien) die Ehrendoktorwürde.

Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der mittelalterlichen Stadtgeschichte Südosteuropas, auf der Geschichte der Ostslawen in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, auf der nationalen und konfessionellen Identität in Südosteuropa seit dem 19. Jahrhundert und auf den Beziehungen zwischen Staat und Religionsgemeinschaften im Sozialismus.

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Jan Kusber (Mainz)

Kosakische Freiheiten und zarische Autokratie in den Erinnerungskulturen der Ukraine und Russlands

Do., 12. Mai 2022, 18 Uhr

Abstract: Im Verlauf der Frühen Neuzeit rückten das Moskauer Reich, dann das Petersburger Imperium nach Süden vor und inkorporierten Gesellschaften und Herrschaftsbildungen, die sich fundamental von der Staatsform der zarischen Selbstherrschaft unterschieden: Die Kosakischen Gemeinschaften der Ukraine waren im Selbstbild partizipativ und partnerschaftlich. Nirgendwo zeigte sich dies deutlicher als im Vertrag von Perejaslaw von 1654, der in der Geschichtspolitik von Ukrainern und Russen eine bedeutende Rolle spielt bis in die Gegenwart des Krieges Russlands gegen die Ukraine. Der Vortrag will diese frühneuzeitlichen historischen Ankerpunkte in der umkämpften Erinnerungskultur beider Länder vorstellen und analysieren.

Zur Person:
• Fachgebiet, Arbeitsbereich: Osteuropäische Geschichte, Historisches Seminar
• Affiliation: Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
• Seit 2003 Professor für Osteuropäische Geschichte an der JGU Mainz, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., Arbeitsschwerpunkte: Geschichte des Russischen Imperiums von der Entstehung bis zur Gegenwart, insbesondere aber in der Frühen Neuzeit, Geschichtskultur und Geschichtspolitik im östlichen Europa, Geschichte Lettlands.

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Björn Wiemer (Mainz)

Ein Exot mit hegemonialen Ansprüchen: Welche Rolle kommt dem Standardrussischen im (Ost)Slavischen zu?

Do., 19. Mai 2022, 18 Uhr

Abstract: Das Ukrainische sprechen heute ca. 47 Mio. Personen. Damit ist es rein zahlenmäßig die zweitgrößte heute gesprochene slavische Sprache – mit großem Abstand zum Russischen, welchem mehr als 160 Mio. Personen als Sprecher zugerechnet werden. Das Russische erscheint damit wie ein „Elephant“ unter den slavischen Sprachen, und dies wirkt auch auf die Wahrnehmung sowohl der allgemeinen wie der wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Indes werden in dieser mindestens zwei Dinge oft verdrängt: zum einen meint Russisch meistens nur das Standardrussische, und dieses ist selbst innerhalb des Ostslavischen eine eher exotische Sprachform, bedingt durch seine Standardisierungsgeschichte, aber auch generell durch die geographische Randstellung des Russischen im slavischen Sprachraum. Zum anderen wäre zu hinterfragen, wie sonstige Varietäten des Russischen sich zum ostslavischen Dialektraum verhalten (haben) und inwieweit viele der Besonderheiten des heutigen Standardrussischen auf der Übernahme von Mustern beruhen, welche über das Gebiet der heutigen Ukraine (sowie Weißrußlands) in die Fürstentümer im Raum Moskau gelangt sind.

Der Vortrag skizziert die Ausdifferenzierung des ostslavischen Sprachraums und beleuchtet die auffälligen Besonderheiten des Standardrussischen auf gesamtslavischem Hintergrund sowie die unterschiedlichen Kodifizierungsgeschichten des Russischen und Ukrainischen. Auf diesem Hintergrund stellt sich die Frage, was hinter einer vermeintlichen Vormachtstellung des (Standard)Russischen im slavischen Sprachraum stecken mag, welche seit dem späten 17. Jahrhundert immer wieder postuliert wurde und welche – nach diversen Wechseln der politischen Systeme – nun auch in Putins Russland erneut als Vorwand verwendet wird, um der Ukraine, und mit ihr dem Ukrainischen, ein Existenzrecht abzusprechen.

Zur Person: Björn Wiemer ist seit 2007 Professor für slavische Sprachwissenschaft an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Sein Interesse gilt vor allem der typologisch orientierten Sprachbeschreibung, der Variation und dem daraus resultierenden Sprachwandel. In diesem Zusammenhang steht die interne Ausdifferenzierung der slavischen Sprachen und der Variation grammatischer Muster sowie ihrer arealen Einbettung, auch unter Berücksichtigung von Sprachkontakt.

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Rainer Goldt (Mainz)

Unorthodoxe Bündnisse: Russische Philosophie als Stichwortgeberin hegemonialen Denkens

Di., 24. Mai 2022, 18 Uhr

Abstract:
In seiner Nobelpreisrede aus dem Jahr 1987 erklärte Iosif Brodskij, es gäbe weniger Leid in der Welt, wählten wir unsere Herrscher nicht nach ihren Programmen, sondern nach ihrer Lektüre. Auch wenn sich unter dieser Voraussetzung im Falle Vladimir Putins schwerlich Gegnerschaft statt Zustimmung ergeben hätte – zumindest wir hätten seine Lektüren aufmerksamer studieren müssen.

Das ideologische Vakuum nach 1991, für das Präsident Jelzin noch vergeblich nach einer neuen „russischen Idee“ suchte, sog rasch die verschiedensten ideologischen Versatzstücke an. Scheinbar Unvereinbares – etwa Sowjetnostalgie und Orthodoxie – verband sich zu neuen, politisch unmittelbar wirksamen Konstrukten. Sie zu bündeln und in eine aggressive Restaurationsideologie zu verwandeln, blieb in unserem Jahrhundert Vladimir Putin und seinen programmatischen Stichwortgebern vorbehalten. Neben den bekannten Quellen imperialer Doktrinen, antiliberaler und antiwestlicher Diskurse sowie Anleihen bei der Konservativen Revolution werden zudem auf die in Europa bislang völlig unbeachteten Anleihen an den politischen Islam als Bollwerk gegen die westliche Moderne, wie er sich bereits im 19. Jahrhundert nachweisen lässt, beleuchtet. Darüber hinaus soll im thematischen Kontext der Ringvorlesung der mitunter unverhohlen koloniale Blick russischer Denker auf die ukrainische Kultur Darstellung finden, und zwar gerade solcher, die Putin nachweislich inspirierten.

Zur Person:
• Affiliiert am Institut für Slavistik, Turkologie und zirkumbaltische Studien, Arbeitsbereich Russistik, an der JGU
• Forschungsschwerpunkte: russische Literatur und Philosophie sowie deutsch-russische Kulturbeziehungen. Mitglied des Redaktionskollegiums u.a. von Mirgorod (Schweiz/Polen) und den Solov’ev-Studies.

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Hans-Christian Maner (Mainz)

Der Westen im Osten? Galizien zwischen Integration und Autonomie im 18. und 19. Jahrhundert

Do., 2. Juni 2022, 18 Uhr

Abstract: Der Vortrag will sich den Konzeptionen über die Position und den Stellenwert Galiziens in der Habsburgermonarchie zuwenden und sich dabei auf fünf inhaltliche Felder in verschiedenen Zeitfenstern konzentrieren. Der Stellenwert Galiziens beschränkte sich zunächst darauf, Kompensationsobjekt zu sein. Der außenpolitischen Gewichtung entsprach eine weitere vom Militär geprägte Charaktereigenschaft der nordöstlichen Region und zwar diejenige eines Glacis der Monarchie. Diese von dem Gang der Außenpolitik getragenen Sichtweisen wurden in der Innenpolitik durch die Einstufung des neuen Gebietes als „Musterland“ begleitet. Schließlich beeinflusste viertens die nationale Frage die Konzeptionen und damit die Überlegungen Wiens zur Integration Galiziens entscheidend. Ein letztes Feld soll ausblickend noch hinzugefügt werden, nämlich die Präsentation von Vorstellungen, Bilder von Galizien, dabei werden verschiedene Perspektiven berücksichtigt.

Zur Person:
• Historisches Seminar, Arbeitsbereich Osteuropäische Geschichte, JGU Mainz
• Das Arbeits- und Interessengebiet erstreckt sich im Kern auf die Geschichte (Politik, Kultur, Gesellschaft) Ostmittel- und Südosteuropas vom 18. bis 21. Jahrhundert. Zu den Monographien zählen: Parlamentarismus in Rumänien (1930-1940). Demokratie im autoritären Umfeld. München 1997 (rumän. Übersetzung: Parlamentarismul în România, 1930-1940. Bucureşti 2004); Galizien. Eine Grenzregion im Kalkül der Donaumonarchie im 18. und 19. Jahrhundert. München 2007; Multikonfessionalität und neue Staatlichkeit. Orthodoxe, griechisch-katholische und römisch-katholische Kirche in Siebenbürgen und Altrumänien zwischen den Weltkriegen (1918-1940). Stuttgart 2007. Jüngst erschien der mitherausgegebene Sammelband: Antike und Byzanz als historisches Erbe in Südosteuropa (19.-21. Jahrhundert). Berlin 2020.

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Alfred Gall (Mainz)

Messianismus im Widerstreit: Eine kontrastive Betrachtung der polnischen und ukrainischen Historiosophie in der Romantik

Do., 9. Juni 2022, 18 Uhr

Abstract: Für die Genese des modernen Nationalbewusstseins ist die Epoche der Romantik von entscheidender Bedeutung. In diesem Zeitraum trägt die Literatur zur Entwicklung und Durchsetzung von Semantiken der nationalen Selbstbeschreibung bei. Von besonderem Gewicht ist dabei die Geschichte, aus deren – verklärender oder mitunter auch kritisch reflektierender – Betrachtung nationale Identität(en) gewonnen werden. Im romantischen Messianismus findet dieser Prozess der Identitätsstiftung im Zuge der national ausgerichteten Geschichtsdeutung einen Kulminationspunkt. Der Vortrag ist einer vergleichenden Betrachtung von literarischen Konstruktionen historischer Sinnentwürfe gewidmet. Er versucht, den ukrainischen romantischen Messianismus in seiner spannungsreichen Verflechtung mit dem polnischen Messianismus zu erhellen. Konkret soll der Mykola Kostomarov zugeschriebene Traktat Книги битія українського народу [Bücher der Genesis des ukrainischen Volkes], der 1845/46 im Umfeld der Kyrill-und-Method-Bruderschaft in Kyjiv entstand, als polemische Anknüpfung an Adam Mickiewiczs messianistische Programmschrift Księgi narodu polskiego i pielgrzymstwa polskiego [Bücher des polnischen Volkes und der polnischen Pilgerschaft, 1832) behandelt werden. Damit soll ein Einblick in die Entstehung einer nationalukrainischen romantischen Historiosophie gewonnen, deren Zielsetzungen in ihrer kultur- und literaturhistorischen Verankerung dargelegt, aber auch die transnationalen Dimensionen entsprechender Semantiken der nationalen Identität vorgeführt werden.

Zur Person:
• Professor für westslavische Literatur- und Kulturwissenschaft und wissenschaftlicher Leiter des Mainzer Polonicums
• Abt. Slavistik des ISTziB an der JGU Mainz, Mainzer Polonicum

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Bozhena Kozakevych (Frankfurt/Oder)

Wurzeln des Irrtums: Das Ukraine-Bild in erinnerungs- und geschichtspolitischen Debatten in Deutschland

Di., 14. Juni 2022, 18 Uhr

Abstract: Der Historiker Mark von Hagen plädierte in seinem bereits 1995 erschienenen Essay “Does Ukraine has a History?“ dafür, dass die Ukraine als ein selbständiges Subjekt in wissenschaftlichen Debatten wahrgenommen und behandelt werden sollte. Die Subjektivitätslosigkeit prägt das Ukraine-Bild in Deutschland bereits seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Ukraine wird in der deutschen Öffentlichkeit, und oft auch in der Forschung, zum einen mit Nationalismus, Antisemitismus und der Kollaboration mit der NS-Macht im Zweiten Weltkrieg verbunden, zum anderen wird die Ukraine paradoxerweise als Teil Russlands betrachtet.

Der Vortrag skizziert den Paradigmenwechsel und Kontinuitäten in der Wahrnehmung der Ukraine in wissenschaftlichen und politischen Debatten Deutschlands seit dem Ersten Weltkrieg bis heute. In der Präsentation wird der Versuch unternommen, die Vorurteile über die Ukraine, die zu ihrer Stereotypisierung und einer gewissen Subjektivitätslosigkeit führen, wie zum Beispiel die Spaltung in West und Ost, zu definieren und ihrem Ursprung nachzugehen.

Zur Person: Bozhena Kozakevych erlangte 2013 den Magisterabschluss an der Ivan-Franko-Universität (Lviv) in deutscher Sprache und Literatur. 2017 schloss sie ihr Masterstudium in Kultur und Geschichte Mittel- und Osteuropas an der Europa-Universität Viadrina ab. Von April 2017 bis Ende 2019 war sie als Projektmanagerin im Projekt „Erinnerung bewahren“ bei der Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ beschäftigt. Bozhena Kozakevych ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Lehrstuhl für „Entangled History of Ukraine“ an der Europa-Universität Viadrina. In Ihrem Promotionsprojekt beschäftigst sie sich mit dem Thema „Juden und Christen: Die sowjetische Religionspolitik im multiethnischen Berdytschiw (1921−1964)“.

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Tilmann Reuther & Yevheniia Lytvyshko (Klagenfurt)

100 Jahre Sprachenpolitik in der Ukraine

Do., 23. Juni 2022, 18 Uhr

Abstract: Sprachpolitik in der Ukraine bedeutet seit dem Zerfall des Russischen Kaiserreichs und der Habsburgermonarchie in erster Linie die Einbeziehung eines Großteils des Landes in die Sprachpolitik der Sowjetunion. Nur der westliche, polnische Teil ging von 1920 bis 1939 einen eigenen Weg. In den 1920er Jahren brachte die Politik der "Einwurzelung" nationaler Sprachen und Kulturen gute Entwicklungsmöglichkeiten für das Ukrainische, jedoch begann bereits mit den 1930er Jahren die Rückkehr zur Dominanz des Russischen, wie sie bereits im zaristischen Russland des 19. Jahrhundert durch den Valuev-Erlass und das Emser Dekret bestanden hatte. Die Wende erfolgte ab 1991 im Zuge der ukrainischen Eigenstaatlichkeit mit der verfassungsmäßigen Festlegung des Ukrainischen als einziger Staatssprache und einer Reihe von gesetzlichen Regelungen zur Durchsetzung des Gebrauchs des Ukrainischen im Bildungswesen, der Verwaltung und den Medien. Die Russische Föderation missbrauchte die seit den hundert und mehr Jahren real bestehende Mehrsprachigkeit der Ukrainerinnen und Ukrainer (insbesondere im Bereich der drei Sprachen Ukrainisch, Russisch und dem gemischten mündlichen Suržyk) durch Behauptungen über eine Cancel Russian Culture in der Ukraine für einen militärisch hybriden Überfall zunächst auf die Krim und Teile der Ostukraine und seit 24.2.2022 für einen verbrecherischen Krieg gegen die Ukraine als Staat.

Zu den Personen: Tilmann Reuther habilitierte im Fach Russische Sprachwissenschaft und war bis zu seiner Pensionierung (2018) Professor am Institut für Slawistik der Universität Klagenfurt. Derzeit leitet er gemeinsam mit Gerd Hentschel, Oldenburg, ein von FWF und DFG gefördertes Projekt zur sprachlichen Situation an der ukrainischen Schwarzmeerküste. Zu seinen bisherigen Forschungsschwerpunkten gehörten Lexikologie und Semantik der Russischen und Ukrainischen sowie Aspekte der Mehrsprachigkeit im ostslavischen Sprachraum.

Yevheniia Lytvyshko ist Mitarbeiterin des FWF-DFG-Projekts „Ukrainisch-russisches und russisch-ukrainisches Code-Mixing. Untersuchungen in drei Regionen im Süden der Ukraine“, PhD-Studentin in Klagenfurt im Fach Angewandte Sprachwissenschaft und beendet darüber hinaus derzeit ihr Doktoratsstudentin im Fach Kommunikationswissenschaft an der Nationalen Karazin-Universität, Charkiv. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Soziolinguistik, aktuelle Sprachkontakte zwischen Ukrainisch und Russisch und Sprachbiografien.

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Jan Patrick Zeller (Greifswald) & Gerd Hentschel (Oldenburg)

Die ukrainische Schwarzmeerküste: Sprachen – Identitäten – Attitüden – Politik

Di., 28. Juni 2022, 18 Uhr

Abstract: Neben der 2014 annektierten Krim und dem Donbas nehmen die ukrainischen Regionen an der Schwarzmeerküste eine prominente Stellung in den neo-imperialen Träumen Russlands unter der Regierung Putins ein. Für Putin und seine Ideologen sind diese Gebiete ein wichtiger Teil eines zu errichtenden „Neurusslands“ (Novorossija) – ein Verweis auf die Bezeichnung dieser multiethnischen Gebiete nach der Eroberung durch das Zarenreich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Vorher hatte es eine autochthone slavischsprachige Bevölkerung hier nie gegeben. Während ethnische Russen an der ukrainischen Schwarzmeerküste – abgesehen von der Krim – deutlich in der Minderheit sind, ist das Russische als Alltagsprache weit verbreitet. Auch mit der angeblichen Unterdrückung, gar Verfolgung dieser russischsprachigen Menschen und ihrer ungefragten Zugehörigkeit zu einer „Russischen Welt“ hat die russische Regierung ihren Bruch des Völkerrechts zu legitimieren versucht.

Vor diesem Hintergrund behandeln wir auf Grundlage einer Ende 2020/Anfang 2021 durchgeführten Umfrage zunächst sprachliche Präferenzen der Ukrainer in den Regionen Odesa, Mykolaïv und Cherson an der Schwarzmeerküste. Wir zeigen, welche Sprachen wie häufig in Gebrauch sind und welche Sprache oder Sprachen die Ukrainer als ihre Muttersprache ansehen. Anschließend zeigen wir, ob und wie stark sprachliche Präferenzen mit Fragen der Identität und mit politischen und soziokulturellen Einstellungen zusammenhängen bzw. vor dem Angriffskrieg Russlands zusammenhingen.

Zu den Personen: Jan Patrick Zeller ist Professor für Slawische Sprachwissenschaft an der Universität Greifswald. Zuvor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Assistenzprofessor für Slavische Soziolinguistik an der Universität Bern und Juniorprofessor für Slavistische Linguistik mit dem Schwerpunkt Westslavistik/Polonistik an der Universität Hamburg. Seine Schwerpunkte liegen auf Sprachkontakt, Soziolinguistik und Psycholinguistik des Polnischen, Belarussischen, Ukrainischen und Russischen.

Gerd Hentschel ist Professor emeritus für Slavische Philologie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören historische (Lehnbeziehungen) und aktuelle Sprachkontakte (Kodewechsel und Kodemischen) der slavischen Sprachen. Insbesondere geht es um deutsch-slavische Kontakte und Kontakte zwischen den slavischen Sprachen, unter Einbeziehung historischer und sozialer Verhältnisse.

Gerd Hentschel und Patrick Zeller haben sich in verschiedenen Projekten gemeinsam mit der sprachlichen Situation in Belarus und der Ukraine beschäftigt. In beiden Staaten, in Belarus viel ausgeprägter als in der Ukraine, ist neben den „Titularsprachen“ das Russische präsent. Zudem sind Formen belarussisch-russischer gemischter Rede (die sogenannte Trasjanka) bzw. ukrainisch-russischer gemischter Rede (der sogenannte Suržyk) weit verbreitet. Derzeit leitet Gerd Hentschel gemeinsam mit Tilmann Reuther, Klagenfurt, ein von DFG und FWF gefördertes Projekt zur sprachlichen Situation an der ukrainischen Schwarzmeerküste.


Renata Makarska (Mainz, Germersheim)

Die mehrsprachige Ukraine. Literatur – Übersetzung – Internationalisierung

Do., 7. Juli 2022, 18 Uhr

Abstract: Seit dem Essay Mykola Rjabčuks über die zwei Ukrainen ist dieses Bild prägend für die westliche Rezeption ukrainischer Literatur und Kultur geworden. Die Schwarz-Weiß-Metapher, obwohl ihr Autor sie nachträglich zu relativieren versuchte, war leicht verständlich und nahm den westlichen Europäern die Aufgabe ab, sich eingehend mit der 1991 entstandenen freien Ukraine zu beschäftigen. Mit diesem kulturellen und politischen Entweder-Oder (entweder proeuropäisch oder prorussisch, entweder ukrainischsprachig oder russischsprachig) polemisierte stark ein anderer westukrainischer Historiker, Jaroslav Hrycak, indem er provokativ von zweiundzwanzig Ukrainen sprach. In dem Vortrag beschäftige ich mich mit der kulturellen Vielfalt der heutigen Ukraine und der Mehrsprachigkeit ihrer Literatur. Besonders sichtbar war diese Mehrsprachigkeit zwar in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und kurz danach, bis heute bleibt sie aber vorhanden und sprengt alle Versuche, das Land vereinfachend in Ost und West einzuteilen. Ich zeige die Wege der Rezeption der ukrainischen Literatur im deutschsprachigen Raum und die neuesten Versuche seitens des Ukrainischen Buchinstituts (Ukrajins’kyj Instytut Knyhy), diesen Prozess aktiv zu beeinflussen.

Zur Person: Renata Makarska, Professorin für „Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft: Polnisch“ am Fachbereich 06 der JGU Mainz in Germersheim. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören westslavische Kulturen des 20. und 21. Jahrhunderts (Literatur und Topografie, Migration, Mehrsprachigkeit, Regionalismus) sowie die Translator Studies.


Anna Veronika Wendland (Marburg)

Der Panzer vorm Atomkraftwerk: Die Industrienation Ukraine im russischen Fadenkreuz

Do., 14. Juli 2022, 18 Uhr

Abstract: Fragen wir nach den Ursachen des russischen Krieges gegen die Ukraine, so werden häufig geostrategische Gründe und russische Bedrohungswahrnehmungen infolge der NATO-Osterweiterung genannt. Ein viel wichtigeres Motiv aber ist das von Vladimir Putin und seinen Eliten immer wieder formulierte russisch-nationale Expansionsprojekt, das sich explizit gegen die Ukraine als souveränen Staat und gegen die Ukrainer als moderne Nation richtet. Aus diesem Grunde zielt die russische Aggression auch und gerade auf die Attribute der industriellen Modernität und Urbanität der Ukraine.

Mit Bomben auf die Industriestädte Charkiv und Mariupol und Panzern vor dem AKW Zaporižžja attackiert Putin die „Ukraina Moderna“, die sich bereits in der Sowjetukraine konstituiert hat. Auch aus diesem Grund richtet sich Putins Wut explizit gegen die von ihm so genannte „Lenin-Ukraine“, gemeint ist die Ukrainische SSR, die insbesondere seit dem Zweiten Weltkrieg den institutionellen Rahmen für die jüngere Nationsbildung der Ukrainer bildete. Urbanisierung, soziale Mobilisierung und industrielle Modernisierung, auch mit ambivalenten Technologien wie der Atomkraft, spielten dabei eine bedeutende Rolle.

Der heutige Krieg wird daher nicht nur auf dem Schlachtfeld ausgetragen, sondern auch über Technologie und Techno-Symbole. Im Vortrag wird dies exemplarisch am Beispiel des ukrainischen Stromnetzes erläutert, dessen Funktionsfähigkeit im Ukraine-Krieg nicht nur eine strategische, sondern auch eine symbolische Rolle spielt.

Zur Person: Dr. habil. Anna Veronika Wendland ist Osteuropa- und Technikhistorikerin am Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg. In ihrer Habilitationsschrift über die kerntechnische Moderne hat sie sich mit der Rolle der Kernenergie und der Reaktorsicherheit in transeuropäischen Modernisierungs- und Transferprozessen befasst. Ihre Arbeit basierte unter anderem auf ausgedehnten Feldforschungen als Industrial Anthropologist in mehreren Kernkraftwerken in der Ukraine und Deutschland.


Weitere Infos und Kontakt:
Prof. Dr. Björn Wiemer
Institut für Slavistik, Turkologie und zirkumbaltische Studien, JGU Mainz
E-Mail: wiemerb@uni-mainz.de
Internet: https://www.istzib.uni-mainz.de/